|
G'2006 -
Identifikation und praktische Mission erleben
03. August 2006 Friedensau/Deutschland [Martin
Haase]
Pastor Waldschmidt, das G-Camp hat heute
Halbzeit, wie zufrieden ist der Koordinator mit dem Verlauf der ersten Tage?
Wir sind bis jetzt sehr zufrieden, das Camp verläuft sehr „friedlich“ und wir
haben den Eindruck, dass die gewählten Sprecher wirklich sehr gut ankommen.
Gerade gestern Abend haben wir erlebt, dass im Zelt der Jugendlichen der
Sprecher die 250 Teilnehmer inspiriert und herausgefordert hat. Die Jugendlichen
sind begeistert aus diesem Abend herausgegangen. Hier wird uns einfach deutlich,
dass das Leben auf allen Ebenen statt findet.
Wer ist dieser Mann, der offensichtlich so gut bei den Jugendlichen ankommt?
Der Sprecher ist Dr. Samir Selmanovic, ein Sprecher kroatischer Herkunft,
der aus einer moslemischen Familie stammt und selbst durch ein
Untergrundnetzwerk zu Christus gefunden hat. Er hat in den USA studiert und
viele Jahre als Pastor in postmodernen Gemeinden gearbeitet, zuletzt in einer
Gemeinde in Los Angeles. Selmanovic versteht es, die Menschen zu erreichen, die
richtige Sprache zu finden und dennoch, was unser Anliegen ist, die Gute
Nachricht an den Mann und an die Frau zu bringen.
Was ist das besondere an einem amerikanischen Pastor?
Vielleicht verbindet sich mit dieser Frage die Sorge, dass hier eine
extreme Persönlichkeit seine eigene Fangemeinde anspornt. Wir wollten eine
Person einladen, der nicht nur theoretisch über das Erreichen des postmodernen
Menschen redet, sondern auch aus der Praxis berichten kann, also über die
Kontextualisierung der Guten Nachricht. Pastor Selmanovic ist zum Beispiel
jemand, der im Rahmen von 9/11 in New York gearbeitet hat. Er versteht, was die
Menschen brauchen. Von daher ist er ein Praktiker, der natürlich aus der
amerikanischen Kultur kommt, uns aber in der Arbeit einige Schritte voraus ist.
Das hat uns begeistert und das kommt auch gut rüber.
Was hat Dr. Selmanovic in Amerika bewegt. Welchen Einfluss hat er auf die
Wachstumsbewegung innerhalb der adventistischen Freikirche?
Das Geheimnis von Pastor Selmanovic liegt in seiner persönlichen Spiritualität.
Es gelingt ihm, den adventistischen Glauben in die Gesellschaft des 21.
Jahrhunderts zu übersetzten. Genau das lebt er, darüber redet er auf ganz
verschiedenen Ebenen. Er ist selbst künstlerisch begabt und drückt auch dadurch
seinen Glauben aus. Er weiß, wie die Menschen ticken und welche Worte er wann zu
gebrauchen hat und genau das tut er. So zieht er die Leute in seiner Kirche an,
indem er in einer Sprache predigt, die von den Leuten verstanden wird, aber
trotzdem mit Tiefgang. Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Es geht nicht
um einfache Parolen im Sinne eines schwarzweiß Denkens, sondern es geht um das
Herz.
Haben die Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland ihren festen Sitz in der
Gesellschaft oder leben sie in einer religiösen Enklave?
Ich würde sagen, die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten entdeckt gerade
wieder die Gesellschaft. Wir sind ja eine Bewegung, die in ihrer Entstehung ganz
stark an der Gesellschaft dran gewesen ist, die dazu beigetragen hat, die
Lebensqualität der Menschen zu verbessern und sich dies auf die Fahnen
geschrieben hat. Durch die Jahrzehnte sind wir vielleicht ein Stückchen von der
Gesellschaft weg gekommen, indem wir uns mehr um uns selbst gedreht haben, aber
wir nehmen jetzt eine Gesellschaft wahr, die sucht, die in oberflächlichen
Lebens- und Sinnangeboten keine Antwort findet und weiter sucht. So sind wir
auch Suchende und hier treffen wir uns in der Mitte und erkennen, dass wir sehr
viel für die Menschen um uns herum zu bieten haben.
Woran kann man die angesprochene Trendwende fest machen, dass die
Siebenten-Tags-Adventisten die Gesellschaft wieder entdeckt haben? Gibt es
bestehende oder in der Planung befindliche Projekte, die belegen, dass die
Freikirche ihren Platz in der Gesellschaft gefunden hat?
In der Entwicklung unserer Gemeinschaft ist es so gewesen, dass wir unser
Engagement zur Entwicklung einer positiven Lebensqualität in Institutionen
verlagert haben. Wir haben eine Einrichtung für Fragen der Ernährung, wir haben
Wohlfahrtsunternehmen und andere Institutionen. Das führte vielfach dazu, dass
gesellschaftsrelevante Bemühungen von der lokalen Gemeindeebene an die großen
Institutionen delegiert wurden. Jetzt stellt man eine umgekehrte Bewegung fest,
indem, was Siebenten-Tags-Adventisten an Core Values haben, an Ideen und
praktischen Erfahrungen genau das ist, wonach die Menschen suchen. Jetzt
entdecken unsere Gemeindeglieder diesen Schatz neu und fangen an, genau das
umzusetzen. Es gibt interessante Projekte, die inzwischen mit Erfolg arbeiten,
zum Beispiel Gesundheitswochen an Schulen. Das ist ein ganz fantastisches
Programm, zu dem wir hier auf dem Missionscamp ausbilden. Schüler lernen in
einer Woche die Prinzipien eines gesunden Lebensstils kennen, bis hin zu Fragen,
wie kommuniziere ich, wie löse ich Streitfälle, wie tue ich Gutes, was esse ich.
Das ist hoch spannend. Weiter arbeiten wir hier an einer Gesundheitsausstellung,
die im Rahmen der Prävention Fragen der Gesundheit beantworten soll. Das ist
eine wichtige Frage, die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gerade mit den
Krankenkassen diskutiert. Wir müssen in Zukunft mehr in die Gesundheitsvorsorge
investieren. Genau dazu werden wir konkrete Antworten liefern und hier auf
diesem Camp werden Leute ausgebildet. Daneben gibt es andere Projekte, wo
Ortsgemeinden mitten in die Städte gehen. Ich denke dabei an entsprechende
Projekte in Hamburg, Hannover, Chemnitz und andere, wo einfach vor Ort versucht
wird, den Menschen, den Mitbürgern zu dienen und attraktive Angebote zu machen.
Ist das noch Fiktion oder bereits Realität und hat sich auch die öffentliche
Wahrnehmung der Siebenten-Tags-Adventisten gewandelt?
Da, wo konkrete Arbeit gemacht wird, stellt sich die Frage nach der Denomination
eher verhalten. Es finden Vernetzungen verschiedener lokaler Projekte statt, ob
das nun öffentliche Träger, kirchliche Einrichtungen oder irgendwelche Vereine
sind. Da wird gesehen, hier ist Not am Mann, an der Frau, dann wird gemeinsam
angepackt. In solchen Situationen, ich sage es einmal so salopp, interessiert
das Label an der Jacke wenig. Die Wertschätzung der verschiedenen Organisationen
untereinander, hinsichtlich ihrer Werte und ihrer Philosophien ist wirklich
groß. Das bewirkt aber keine Trennung, sondern im Gegenteil, es führt zum
respektvollen arbeiten miteinander an den Problemen unserer Gesellschaft. In der
öffentlichen Wahrnehmung erlebe ich in der Praxis immer noch, das
Siebenten-Tags-Adventisten als Sekte wahrgenommen werden oder als grenzwertige
Kirche. Auf unserer Seite erlebe ich dagegen ein immer mutigeres Auftreten als
Freikirche und in diesem mutigen Auftreten werden wir oft in vielen Bereichen
positiv wahrgenommen. Das ist auch immer wieder auf Ebenen der kirchlichen oder
freikirchlichen Zusammenarbeit angenehm überraschend.
Wir erleben hier das 13. Missionscamp in Folge. Gibt es eine Vision für
zukünftige G-Camps, das 14. und 15. und darüber hinaus?
Ja, durchaus. Wie in anderen Bereichen auch, erleben wir einen permanenten
Reifeprozess. Ging es in den letzten Jahren beispielsweise darum, sich
methodisch ausbilden zu lassen, programmatische Impulse zu bekommen, Ideen mit
nach Hause zu nehmen und diese einfach umzusetzen, erleben wir heute, Menschen,
die hier sind, die Tiefe, Beantwortung ihrer persönlichen Fragen ihres Glaubens
suchen. Fragen der Spiritualität, die genauso in der Gesellschaft aktuell sind,
drücken sich hier in Fragen aus, deren Beantwortung im Gebet gesucht wird. Wir
erleben Leute, die sich begrenzt, fokussiert und gezielt auf ein Projekt hin
ausbilden lassen und wir erleben hier als große Chance für die G-Camps der
Zukunft eine Vernetzung der Generationen. Alt und Jung gehen aufeinander zu,
suchen Verständnis und spüren, dass sie gemeinsam für eine Sache stehen. Nur ein
Beispiel, immer wieder hören wir auf diesem G-Camp Äußerungen von jungen
Menschen, die sagen, dass es gut tut zu wissen, dass die Älteren hinter ihnen
und an ihrer Seite stehen. Umgekehrt öffnet sich auch die ältere Generation
gegenüber der Lebenskultur der Jugend. Das wird Impulse in die Gemeinden hinein
geben. Und die ganz große Dynamik, Kinder und Jugendliche in ihrem Lebensbereich
zu entdecken, ist ein ganz großer Wert. Wir erleben hier, dass Menschen ihre
Freunde mitbringen. Kinder bringen ihre Freunde mit, die mit Gott und Glauben
nichts am Hut haben und hier einfach spielerisch erleben können, was es heißt,
Gott zum Freund und Gott als Lebensmittelpunkt zu haben. Das ist praktische
Mission.
Mit 1200 registrierten Dauerteilnehmern sind die Kapazitäten des G-Camps
erschöpft, gleichzeitig kann man von einer steigenden Nachfrage ausgehen. Ist es
denkbar, dass im europäischen Umfeld weitere G-Camps entstehen?
Ja, ich denke, das Projekt kann Schule machen und multiplizieren wollen wir
vor allem in die Regionen, wo noch stärkere Impulse an die Basis, in die
Ortsgemeinden erfolgen können. Warum nicht, ein G-Camp in Bayern, ein G-Camp in
Hessen oder ein G-Camp in Mecklenburg-Vorpommern? Und dann die große
Zusammenkunft aller G-Camps im Sommer, im August, hier auf dem Campus der
Theologischen Hochschule. Und wir hören in diesem Jahr sehr deutlich, sowohl von
den älteren, wie auch von den jüngeren Teilnehmern: Das ist unser Höhepunkt des
Jahres, hier treffen wir uns alle. Ich glaube das G-Camp ist eine der
Veranstaltungen in unserer Kirche, die den höchsten Identität stiftenden
Charakter hat. |
 |
 |
|
Martin Haase im Gespräch mit Pastor
Frank Waldschmidt |
|